Die Pflichtlieder 2027: von Chichester über Berlin ins Baskenland
Foto: Erich Auer
Drei Werke singen 2027 alle Chöre: ein englisches Alleluia von vor rund 400 Jahren, ein nächtlicher Traum von Fanny Hensel und ein ganz neues Stück von Javier Busto.
Drei Lieder
Alle singen dasselbe, und alle klingen anders
Beim Chorwettbewerb bringt jeder Chor sein eigenes Programm mit. Beim Pflichtliedsingen ist es umgekehrt: Alle singen dieselben Stücke. Gerade deshalb hört man hier besonders gut, wie verschieden ein und derselbe Takt klingen kann.
Für den 60. Wettbewerb stehen drei Werke aus drei Ländern und drei Epochen auf dem Programm. Wir stellen sie Ihnen kurz vor.
Thomas Weelkes (1576–1623)
Alleluia, I heard a voice
Thomas Weelkes war um 1600 einer der großen englischen Madrigalisten. Dann wurde er Organist und Lehrer der Chorknaben an der Kathedrale von Chichester, und dort wandte er sich immer mehr der Kirchenmusik zu. Ein einfacher Mitarbeiter war er nicht: Mit den Verantwortlichen der Kathedrale geriet er immer wieder aneinander.
Davon hört man in diesem Stück nichts. Der Text stammt aus der Offenbarung des Johannes, fünf Stimmen tragen ihn, und in nur etwa zweieinhalb Minuten entfaltet sich ein festliches, strahlendes Alleluia.
Fanny Hensel (1805–1847)
Schöne Fremde
Fanny Hensel, geborene Mendelssohn, war die ältere Schwester von Felix Mendelssohn und eine großartige Musikerin in eigenem Recht. In ihrem Berliner Zuhause leitete sie die berühmten Sonntagsmusiken. Veröffentlicht hat sie erst spät, und ihre „Gartenlieder“ op. 3 für vierstimmigen Chor erschienen 1847, in ihrem Todesjahr. Die Handschrift von „Schöne Fremde“ trägt das Datum 22. Juli 1846.
Der Text ist von Joseph von Eichendorff: eine warme Nacht, alte Mauern, rauschende Wipfel. Auch Robert Schumann hat ihn vertont. Am Ende spricht die Ferne selbst:
Es funkeln auf mich alle Sterne
mit glühendem Liebesblick,
es redet trunken die Ferne
wie von künftigem, großem Glück!
Javier Busto (*1949)
Ein neues Werk für Spittal
Das dritte Pflichtlied kennt noch niemand: Javier Busto schreibt es als Auftragswerk für diesen Wettbewerb. Der Baske aus Hondarribia ist Arzt und Dirigent, und seine Stücke singen Chöre in aller Welt. Die Noten bekommen die Chöre mit der Zusage, jene von Weelkes und Hensel besorgen sie selbst.
Nachtrag vom 18. September 2026: Das Werk hat jetzt einen Titel. Mehr über „Soñé que tú me llevabas“ und Javier Busto.
Zum Hineinhören
Wann und wo Sie sie hören
Das Pflichtliedsingen findet am Samstag, 10. Juli 2027, um 9.30 Uhr im Stadtsaal statt. Wer schon vorher hineinhören möchte: Hier sind Aufnahmen der beiden bekannten Lieder und ein kleiner Eindruck vom Pflichtliedsingen 2016 in Spittal.
- Thomas Weelkes: Alleluia, I heard a voice – Voices of Ascension
- Fanny Hensel: Schöne Fremde – Virginia Chorale
- Spittal 2016, Pflichtliedsingen – Video: Erich Auer